Enuma Elish – Die Vorlage des Buches Genesis?

Enuma Elish – Die Vorlage des Buches Genesis?

Einleitung
In diversen Büchern und auf einigen Internetseiten wird versucht eine Verbindung zwischen dem Babylonischen Schöpfungsmythos Enuma Elish und dem biblischen Schöpfungsbericht des Buches Genesis herzustellen. Teilweise werden nur oberflächliche Übereinstimmungen festgestellt, wohingegen vor allem christentumskritische Seiten folgendermaßen argumentieren:

Während der Babylonischen Gefangenschaft lernten die Israeliten die Babylonischen Mythen kennen und kopierten diese größtenteils zu ihrem Schöpfungsbericht, den wir heute im Buch Genesis finden. Er ist also nicht Wort Gottes, sondern ein Plagiat bei dem viele Verse einfach übernommen wurden.

In diesem Artikel sollen die beiden Berichte gegenübergestellt und versucht werden herauszufinden, inwieweit man von Übereinstimmungen sprechen kann und mögliche Gründe für deren Vorhandensein aufgeführt werden. Vorerst sei angemerkt, dass der Enuma Elisch nicht vollständig vorlag. Nach einer google-Suche bestand Zugriff auf die folgenden beiden Links:
Link 1
Link 2
sowie die wikipedia-Seite zum Enuma Elisch.

Der Enuma Elisch ist auf sieben Tafeln niedergeschrieben und besteht aus rund 1000 Zeilen. Die Texte der Tafeln 1, 4, 5 und 6 lagen in voller Länge vor. Für die Tafeln 2, 3 und 7 musste auf eine Inhaltszusammenfassung zurückgegriffen werden, was allerdings kein Problem darstellen sollte.

Der Vergleich
Zu den vollständig vorliegenden Tafeln zählt aber unter anderem die Übersetzung der Tafel mit welcher der Mythos beginnt. In der Übersetzung bekommt die Tafel mit der Nummer 1 den Titel „Das Chaos.“ Der Mythos beginnt mit:

1 Als droben die Himmel nicht genannt waren.
2 Als unten die Erde keinen Namen hatte,
3 Als selbst Apsu (Süßwasserstrom), der uranfängliche, der Erzeuger der Götter,
4 Mummu Tiâmat (Salzflut), die sie alle gebar,
5 Ihre Wasser in eins vermischten,
6 Als abgestorbenes Schilf noch nicht angehäuft, Rohrdickicht nicht zu sehen war,
7 Als noch kein Gott erschienen,
8 Mit Namen nicht benannt, Geschick ihm nicht bestimmt war,
9 Da wurden die Götter aus dem Schoß von Apsu und Tiâmat geboren.
10Lachmu, Lachamu traten ins Dasein, wurden mit Namen benannt.
11Äonen wurden groß und erstreckten sich lang,
12Anschar, Kischar wurden geboren, sie überragten jene,
13Die Tage wurden lang, die Jahre mehrten sich.
14Anu (Himmel) war ihr Sohn, ebenbürtig seinen Vätern.
15Anschar machte Anu, seinen Erstgeborenen, sich gleich;
16Anu erzeugte sein Ebenbild Nudimmud.
17Nudimmud war seiner Väter Herrscher.
18Umfassend an Wissen, weise, an Kräften gewaltig,
19Übertraf er bei weitem an Kraft den Erzeuger seines Vaters, Anschar.

Es folgen viele weitere Verse, welche die Beziehungen der Götter untereinander und vor allem ihre Streitereien und Kämpfe schildern. Zum Beispiel:

125 Als Tiâmat es hörte, gefiel ihr diese Rede.
126 «[…] gabt ihr. Laßt uns Ungeheuer schaffen.
127 […] die Götter inmitten der himmlischen Wohnung.
128 […] Laßt uns die Götter bekämpfen» […]

Es gehört sehr viel Phantasie dazu in diesen Schilderungen Parallelen zum Schöpfungsbericht der Bibel oder zum Alten Testament allgemein zu finden. Vor allem versuche man in der Bibel Passagen zu finden, in denen sich verschiedene Götter unterhalten oder miteinander kämpfen. Dort wird nur die Existenz eines einzigen Gottes bestätigt und das ist Jahwe, der Gott Israels. Diese Aussage steht im klaren Gegensatz zum babylonischen Schöpfungsmythos. Von „entnommen“ kann kaum die Rede sein. Des Weiteren fällt bereits nach diesen wenigen Zeilen auf, dass im Enuma Elish nicht nur jedem Lebewesen, sondern auch jedem Ding, insbesondere den Elementen, Persönlichkeit zugerechnet wird. So werden Süß- und Salzwasser mit den Göttern Apsu und Tiâmat assoziiert und auch deren spätere Vereinigung und Trennung bekommen dadurch eine „anschauliche“ Bedeutung. Eine Vorstellung, die der Bibel fremd ist bzw. konträr zu ihren Aussagen steht. Hierdurch wird auch die auf www.joerg-sieger.de genannte angebliche Parallele

Das Meer, das in zwei Teile geschieden wird

fragwürdig. Außerdem ist in der Bibel nicht von Süß- und Salzwasser die Rede, welche voneinander geschieden werden, sondern schlicht von einem Urozean deren Beschaffenheit nicht näher erläutert wird.
Ein Punkt bei dem ebenfalls ein großer Unterschied zur Bibel besteht ist die Tatsache, dass die Bibel Gott kein Aussehen verpasst, sprich nirgendwo beschreibt, wie er aussieht, da er keine menschenähnliche Gestalt besitzt. Ganz im Gegensatz dazu der Enuma Elish bei der Beschreibung des dort mächtigsten Gottes Marduk:

96 Wenn seine Lippen sich bewegten, erglühte Feuer.
97 Vierfach wuchs in ihm das Verständnis,
98 Und seine Augen ebenso erschauten alles.
99 Erhob er sich, so überstieg seine Gestalt die der Götter,
100 Mit riesenhaften Gliedern überragte er sie alle an Größe.

Die Tafeln 2 und 3 berichten nur über die Intrigen und Probleme zwischen den Göttern. Auch hier kann keine Übereinstimmung mit der Bibel gefunden werden. Diese Situation ändert sich auch nicht auf Tafel 4. Dort geht es unvermindert weiter mit Versen wie:

93 Indes die Götter des Kampfes ihre Waffen schärften.
94 Da traten zusammen Tiâmat und Marduk, der weiseste der Götter,
95 Stürzten sich aufeinander und begegneten sich im Kampf.

oder

129 Es stellte der Herr seinen Fuß auf Tiâmats Kreuz,
130 Mit seinem schonungslosen Dolch spaltete er ihren Schädel,
131 Durchschnitt ihre Adern,
132 Und der Nordwind entführte das Blut in die Ferne.

Auf Tafel 5 wird die Erschaffung der Welt durch Marduk beschrieben. Also eine Möglichkeit hierbei Parallelen zur Bibel auszumachen?
Es fällt sofort auf, dass die Chronologie des Enuma Elish und des biblischen Berichtes vollkommen voneinander abweichen. So beginnt die Passage im Enuma Elish mit:

1 Er ersann Standorte für die großen Götter.
2 In Sternbildern ordnete er ihre Entsprechungen, die Sterne.

Die Sterne werden also wie bei fast allen vorhandenen Schöpfungsmythen der Welt vor der Erde erschaffen. Im Gegensatz dazu die Bibel:

13 Es wurde Abend und es wurde Morgen: dritter Tag. 14 Dann sprach Gott: Lichter sollen am Himmelsgewölbe sein, um Tag und Nacht zu scheiden. Sie sollen Zeichen sein und zur Bestimmung von Festzeiten, von Tagen und Jahren dienen; 15 sie sollen Lichter am Himmelsgewölbe sein, die über die Erde hin leuchten. So geschah es.

Also erst nach der Erde und den Pflanzen werden die Sterne geschaffen. Wie oben angedeutet etwas völlig Neues in der Region von Babylon und sicher kein Diebstahl geistigen Eigentums von den biblischen Autoren aus dem Enuma Elish. Dass bei beiden Berichten natürlich Berge, Pflanzen, Tiere ect. geschaffen werden erkärt sich von selbst, da laut beiden Schöpfungsgeschichte alles auf der Welt Werk (eines) Gottes ist. Es sind aber weder Übereinstimmungen in der Formulierung noch in der Reihenfolge zu finden. Daher bleibt festzuhalten: geht man von einer göttlichen Schöpfung aus, so muss alles Getier und der Mensch Werk dieses Gottes sein. Derartige Sätze sind in praktisch jeder Schöpfungsgeschichte zu finden, woraus aber sicher nicht zu folgern ist, dass alle voneinander abgeschrieben wurden.

Am interessantesten von allen ist sicherlich die Tafel Nummer 6, da diese von der Erschaffung des Menschen berichtet. Finden sich nun hier Parallelen? Im Enuma Elish heißt es:

5 ‚Ein Gewebe von Blut will ich machen, Gebein will ich bilden,
6 Um ein Wesen entstehen zu lassen: Mensch sei sein Name.
7 Erschaffen will ich ein Wesen, den Menschen.
8 Ihm auferlegt sei der Dienst der Götter zu ihrer Erleichterung.

Wie beantwortet die Bibel die Frage warum der Mensch von Gott erschaffen wurde?

26 Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich. Sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere auf dem Land. 27 Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. (Gen 1)

Marduk erschafft sich die Menschen als seine Diener, die ihm Arbeit abnehmen sollen, damit er mehr Ruhe hat. Also einen Sklaven aus Fleisch und Blut. Auch scheint es, dass er sich gleich mehrere Menschen schafft um sofort Arbeitskräfte zur Verfügung zu haben und nicht erst ein einzelnes Paar.
Der Gott der Bibel dagegen erschafft sich mit dem Menschen ein Abbild von sich selbst, den er als Herrscher über die Welt einsetzt. Als Lebensraum bietet er ihm den Garten Eden an, von Frondienst für den göttlichen Schöpfer keine Spur. Hier also ein diametraler Gegensatz der beiden Schöpfungsberichte! Auch hier haben biblische Autoren nichts kopiert und übernommen.

Letzter Punkt soll die Betrachtung sein, wie der Mensch ins Dasein gerufen wurde. Im Enuma Elish findet sich dazu:

11 ‚Einer von ihren Brüdern soll ausgeliefert werden.
12 Dieser soll sterben, damit die Menschheit entsteht.
(…)
29 ‚Kingu war’s, der den Krieg erregt,
30 Tiâmat zur Revolte aufgereizt, den Kampf begonnen hat.‘
31 Als sie ihn gebunden hatten, brachten sie ihn vor Ea.
32 Sie ließen ihn seine Strafe erleiden, seine Adern durchschnitten sie.
33 Aus seinem Blute schuf er die Menschheit.

Damit die Menschheit das Licht der Welt erblickt muss der Gott Kingu sterben, um es möglich zu machen den Menschen aus seinem Blut zu schaffen. Muss in der Bibel auch jemand sein Leben lassen bzw. gefesselt ausbluten? Nein keineswegs:

7 Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen. 8 Dann legte Gott, der Herr, in Eden, im Osten, einen Garten an und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte. (Gen 2)

Ohne irgendwelche Szenen von Gewalt oder Opfern wird der Mensch erschaffen. Nicht aus Blut sondern aus Lehm und dem Lebensatem Gottes. So ist einsichtig, dass auch hier zwei völlig verschiedene Ansichten der beiden Schöpfungsberichte vorliegen. Wieder keine Möglichkeit für die israelitischen Schreiber etwas von den Babyloniern zu kopieren.

Außerdem bleibt generell festzustellen, dass sich in den Texten der Tafeln 1, 4, 5 und 6 nicht ein einziger Vers findet, der starke Ähnlichkeit mit einer Aussage des Schöpfungsberichtes auf dem ersten Buch Mose hat oder mit einem übereinstimmt. Es kann ziemlich sicher angenommen werden, dass sich dies auch nicht ändern wird, wenn man die Tafeln 2, 3 und 7 mit dazu nimmt. Sollte hier ein derartiger Vers übersehen worden sein wird darum gebeten dies zu melden.

Hineininterpretierte Gemeinsamkeiten
Es gibt aber auch Argumente, die eine Übereinstimmung der beiden Texte nicht auf Ebene des eigentlichen Handlungsablaufs suchen, sondern behaupten, die Berichte würden sich in den theologischen Aussagen sehr änheln. Drei Beispiele sollen hier behandelt werden.

Auf http://ema.bonn.de ist folgende Behauptung zu finden:

Nach der Fertigstellung der Erde beschloß Marduk die Erschaffung des Menschen, aber nicht als Krönung, denn ihm (dem Menschen) „soll die Fronarbeit für die Götter auferlegt werden, zu deren Erleichterung“. Aus dem Blut des getöteten Kingu, einer der jungen Götter, der sich aber auf die Seite Tiamats gestellt hatte, formt Ea die Menschheit.
Also ist der Mensch auch in der Babylonischen Religion mit einer Art Erbsünde/Blutsünde belastet…. (siehe Altes Testament).

Auf den ersten Blick mag hier eine Übereinstimmung vorliegen. Doch bei näherer Betrachtung lassen sich klare Unterschiede ausmachen.

  1. Zuallererst ist die Gleichsetzung der in der Bibel beschriebenen Erbsünde und der „Sünde“ des Menschen im Enuma Elish sehr fragwürdig. Keine weitere Stelle des Enuma Elish geht der Frage nach, ob der Mensch ein sündiges Wesen ist, weil er aus dem Blut eines getöteten Gottes geschaffen wurde. Das wird auf dem angegebenen Link einfach behauptet.
  2. Der Mensch der Bibel ist nicht in Folge seiner Erschaffung sündig, sondern in Folge seines Handelns, das Verbot Gottes zu missachten. Oder anders formuliert: Der Mensch des Enuma Elish wäre von Anfang an unverschuldet sündig, der Mensch der Bibel war bei seiner Schöpfung sündlos und entschied sich durch freien Willen zur Sünde.

Um hier eine Übereinstimmung finden zu können muss in den Enuma Elish vieles hineininterpretiert werden und selbst dann ergeben sich in den Details Gegensätze, welche sich nicht lösen lassen.

Eine zweite angebliche Übereinstimmung wird auf religioustolerance.org gefunden. Die Parallele bestünde darin, dass der Gott der Bibel am siebten Tage ruhte

2 Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte. 3 Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte.

und auch die Götter des Enuma Elish nach der Schöpfung des Menschen feiern. Doch auch hier fallen sofort Unterschiede auf:

  1. Die Gleichsetzung von ruhen und feiern kann in Frage gestellt werden.
  2. In der Bibel wird der siebte Tag der Woche generell heiliggesprochen und kehrt immer wieder. Die Feier im Enuma Elish dagegen ist ein einmaliges Ereignis, dass auf die Zukunft keinen Einfluss hat.
  3. Vom siebten Tag der Woche profitiert der Mensch der Bibel, da auch er an diesem Tag von seiner Arbeit ruhen soll. Der Mensch des Enuma Elish bekommt von der Feier der Götter nichts mit, sondern geht seinen Sklavenarbeiten nach.

Wenn überhaupt liegt also auch hier nur eine sehr oberflächliche Übereinstimmung vor, die sicherlich nicht die Behauptung rechtfertigt, der eine Text sei vom anderen kopiert worden.

Eine letzte interpretierte Parallele wurde auf einer englischsprachigen Seite gefunden, deren Link leider verloren gegangen ist. Die Argumentation darauf lautete: Der Gott der Bibel erschuf die Welt in sechs Tagen. Im Enuma Elish gibt es von Beginn bis zur Erschaffung des Menschen sechs Generationen von Göttern. Das Motiv der sechs Tage/Generationen/Zeiträume ist also entliehen. Diese Behauptung lässt sich zwar nicht direkt widerlegen, aber ob das Motiv der Sechs nun wirklich eine Verbindung der beiden Berichte beweisen kann ist sicher fragwürdig.

Schluss
Nach dem Vergleich der beiden Berichte konnte keine Ähnlichkeit in dem Maße nachgewiesen werden, welche den Schluss zulassen würde, das Buch Genesis sei zum großen Teil aus dem Babylonischen Schöpfungsmythos abgeschrieben worden. Vielmehr fallen deutliche Unterschiede zwischen den beiden Texten auf.

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