Fordert der biblische Gott Menschenofper?

Fordert der biblische Gott Menschenofper?

Unter der Überschrift „Menschenopfer: Von Gott gefordert oder verboten?“ findet sich im Buch Lexikon der biblischen Irrtümer eine Diskussion der Frage, ob der Gott der Bibel Menschenopfer fordert. Das Kapitel nimmt dazu auf drei biblische Ereignisse bezug, um seine Folgerung zu stützen, dass die Sachlage nicht eindeutig sei. Nachfolgend sollen diese Stelle untersucht und die Schlussfolgerung der Uneindeutigkeit auf ihre Stichhaltigkeit geprüft werden.

Richter 11
Das erste Beispiel, das beschrieben wird, handelt vom Gileaditer Jiftach, der in eine Schlacht mit den Ammonitern zieht. Vor der Schlacht bittet er Gott um Beistand und gibt das Gelübde ab, im Falle eines Sieges den Menschen zu opfern, der ihm bei der Heimkehr als erster begegnet. Dies wird seine einzige Tochter sein, die er schließlich als Brandopfer darbringt. Der Abschnitt im Lexikon der biblischen Irrtümer schließt mit der Aussage:

Jahwe akzeptiert das Opfer. (S. 94)

Diese Aussage findet aber keine Bestätigung im entsprechenden Kapitel, denn dort heißt es am Ende:

34 Als Jiftach nun nach Mizpa zu seinem Haus zurückkehrte, da kam ihm seine Tochter entgegen; sie tanzte zur Pauke. Sie war sein einziges Kind; er hatte weder einen Sohn noch eine andere Tochter. 35 Als er sie sah, zerriss er seine Kleider und sagte: Weh, meine Tochter! Du machst mich niedergeschlagen und stürzt mich ins Unglück. Ich habe dem Herrn mit eigenem Mund etwas versprochen und kann nun nicht mehr zurück. 36 Sie erwiderte ihm: Mein Vater, wenn du dem Herrn mit eigenem Mund etwas versprochen hast, dann tu mit mir, was du versprochen hast, nachdem dir der Herr Rache an deinen Feinden, den Ammonitern, verschafft hat. 37 Und sie sagte zu ihrem Vater: Nur das eine möge mir gewährt werden: Lass mir noch zwei Monate Zeit, damit ich in die Berge gehe und zusammen mit meinen Freundinnen meine Jugend beweine. 38 Er entgegnete: Geh nur!, und ließ sie für zwei Monate fort. Sie aber ging mit ihren Freundinnen hin und beweinte ihre Jugend in den Bergen. 39 Als zwei Monate zu Ende waren, kehrte sie zu ihrem Vater zurück und er tat mit ihr, was er gelobt hatte; sie aber hatte noch mit keinem Mann Verkehr gehabt. So wurde es Brauch in Israel, 40 dass Jahr für Jahr die Töchter Israels (in die Berge) gehen und die Tochter des Gileaditers Jiftach beklagen, vier Tage lang, jedes Jahr. Die Richterzeit war eine Zeit der religiösen Anarchie, in der derartige Ereignisse leider vorkamen.
(Richter 11, Einheitsübersetzung)

Keiner dieser Sätze deutet darauf hin, dass Gott das Opfer akzeptiert oder gar Gefallen daran gehabt hat. Jiftach hat etwas versprochen und sich selbst dazu verpflichtet dies zu halten. Gott verband seine Unterstützung in der Schlacht zu keinem Zeitpunkt mit der Opferung eines Menschen. Nur weil hier ein Mensch glaubt, dass er Gottes Willen tut, bedeutet das nicht, dass dies auch der Wirklichkeit entspricht. Dies gilt für damals und heute. Auch die Bevölkerung scheint die Sache so zu sehen: Wenn man der festen Überzeugung gewesen sei, dass dies alles Gottes Wille gewesen ist, wäre dies sicher kein Grund jedes Jahr vier Tage lang dieses Unglück zu beweinen, dass sich vor ihren Augen abgespielt hat. Aus diesem Vers lässt sich nicht schließen, dass Gott Menschenopfer gutheißt oder gar fordert.

2 Könige 3
In der zweiten Stelle, die besprochen wird, ziehen die Könige von Juda, Israel und Edom vereint gegen den König von Moab in den Krieg, da dieser von Israels König abgefallen war. Mit Gottes Unterstützung nehmen sie alle Städte bis auf Kir-Heres ein. Mit den wohl letzten paar Soldaten, die ihm übrig bleiben, versucht der Moabiterkönig durch die feindlichen Linien zu brechen. Wohl ein Fluchtversuch.

26 Als der König von Moab sah, dass er dem Angriff nicht mehr standhalten konnte, sammelte er siebenhundert mit dem Schwert bewaffnete Männer um sich und versuchte beim König von Edom durchzubrechen. Doch es gelang ihnen nicht.

Als diese Aktion scheitert, bringt er aus Verzweiflung seinen Sohn als Opfer auf der Stadtmauer dar, worauf die feindlichen Streitkräfte abrücken:

27 Nun nahm er seinen erstgeborenen Sohn, der nach ihm König werden sollte, und brachte ihn auf der Mauer als Brandopfer dar. Da kam ein gewaltiger Zorn über Israel. Sie zogen von Moab ab und kehrten in ihr Land zurück.

Im Lexikon der biblischen Irrtümer wird dies wie folgt gewertet:

Das Opfer hilft mehr als erhofft. Kemos zwingt die Israeliten dazu, den Schauplatz ihres militärischen Sieges zu verlassen (…) Der Feind Israels besiegt das Volk Jahwes. Das Menschenopfer erweist sich als höchst wirksam. (S. 94)

Was ist hiervon zu halten? Zuerst sei festgestellt, dass das Volk Jahwes definitiv nicht besiegt wurde. Auf dem Weg nach Kir-Heres wurde die komplette Wasser- und Nahrungsversorgung der Moabiter lahmgelegt und das moabitische Heer vernichtend geschlagen. Dem König bleibt also nichts mehr übrig außer einer Stadt und einer Hand voll Soldaten. Auch wenn er von Israel abgefallen ist, stellt er daher für Israel und Juda keinerlei Gefahr mehr dar. Das Ziel des Feldzuges wurde erreicht. Angewiedert vom Menschenopfer eines verzweifelten Königs verlässt das Bündnis der drei Könige den Ort des Geschehens. Diese Handlung geschieht aus Zorn und evt. auch Mitleid und nicht aus Zwang. Kann also aus dieser Stelle gefolgert werden, dass Gott Menschenopfer braucht? Sicher nicht. Zum einen wird das Menschenopfer nicht einmal Jahwe dargebracht und zum anderen ist das einzige was es auslöst, wie oben ausgeführt, Zorn und Ekel beim Volk Jahwes. Also ein Zeichen dafür, dass Menschenopfer von Israel abgelehnt werden.

Genesis 22
Die letzte zitierte Bibelstelle stammt aus dem ersten Buch Mose. Gott fordert von Abraham seinen einzigen Sohn Isaak zu opfern. Doch bevor die Opferung durchgeführt werden kann, gebietet Gott Abraham Einhalt und Isaak bleibt am Leben. Schon der erste Vers des Kapitels sagt aus worum es hier eigentlich geht:

1 Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe.

Abrahams Glauben soll geprüft werden. Das angebliche Menschenopfer ist nur der Rahmen der Prüfung. An dieser Stelle hätten auch andere Dinge stehen können, wie dass von Abraham verlangt wird seine Frau in die Wüste zu treiben, aber Gott dies im letzten Moment verhindert. Daraus könnte man auch nicht folgern, dass Gott von allen Männern fordert ihre Ehefrauen in die Wüste zu treiben.

Weitere Bibelstellen zu Menschenopfern
Das Lexikon zitiert noch das zwanzigste Kapitel des Buches Ezechiel:

24 weil sie meine Rechtsvorschriften nicht befolgten, meine Gesetze ablehnten und meine Sabbat-Tage entweihten und weil ihre Augen hinter den Götzen ihrer Väter her waren. 25 Auch gab ich ihnen Gesetze, die nicht gut waren, und Rechtsvorschriften, die es ihnen unmöglich machten, am Leben zu bleiben. 26 Ich machte sie unrein durch ihre Opfergaben; sie ließen nämlich alle Erstgeborenen durch das Feuer gehen. Ich wollte ihnen Entsetzen einjagen; denn sie sollten erkennen, dass ich der Herr bin. 27 Darum sprich zum Haus Israel, Menschensohn, und sag zu ihnen: So spricht Gott, der Herr: Eure Väter haben mich auch dadurch verhöhnt, dass sie mir untreu wurden.

um daraus zusammen mit Exodus 22,27-29 zu folgern, dass Gott Menschenopfer doch gefallen könnten. Allerdings lässt sich aus obiger Stelle ersehen, dass die Menschenopfer nicht gewollt sind, sonst würden sie nicht unrein machen. Durch die Opferung läd das Volk Schuld auf sich, was Gott in diesem Fall nicht verhindert, da sie immer wieder von ihm abgefallen sind, obwohl er ihnen stets eine neue Chance zur Umkehr bot (hierzu empfiehlt sich die vollständige Lektüre von Ezechiel 20). Dies ist aber defintiv etwas anderes als Menschenopfer fordern. Die Opferung der Erstgeboreren wird bereits in Exodus 34,19f verboten. Der Erstgeborene ist auszulösen und nicht selbst zu opfern, wie es in anderen Religionen der Umgebung Sitte war. Einige weitere Bibelstellen sprechen bzgl. Menschenopfern eine sehr deutlich Sprache:

17 Ihre Söhne und Töchter ließen sie durch das Feuer gehen, trieben Wahrsagerei und Zauberei und gaben sich dazu her zu tun, was dem Herrn missfiel, und ihn zu erzürnen. 18 Darum wurde der Herr über Israel sehr zornig. Er verstieß es von seinem Angesicht, sodass der Stamm Juda allein übrig blieb. 19 Doch auch Juda befolgte nicht die Befehle des Herrn, seines Gottes, sondern ahmte die Bräuche nach, die Israel eingeführt hatte. 20 Darum verwarf der Herr das ganze Geschlecht Israels.
(2 Könige 17)

Gott verachtet das Opfern von Menschen und bestraft diejenigen, die es trotz seinem Verbot durchführen.

Er tat nicht wie sein Vater David, was dem Herrn, seinem Gott, gefiel, 3 sondern er folgte den Wegen der Könige von Israel. Er ließ sogar seinen Sohn durch das Feuer gehen und ahmte so die Gräuel der Völker nach, die der Herr vor den Israeliten vertrieben hatte.
(2 Könige 16,3)

31 Wenn du dem Herrn, deinem Gott, dienst, sollst du nicht das Gleiche tun wie sie; denn sie haben, wenn sie ihren Göttern dienten, alle Gräuel begangen, die der Herr hasst. Sie haben sogar ihre Söhne und Töchter im Feuer verbrannt, wenn sie ihren Göttern dienten.
(Dtn 12)

Auch hieraus geht klar hervor, dass Menschenopfer durch Jahwe abgelehnt werden. Als letztes Beispiel noch eine Aussage aus dem Buch Jeremia:

33 Sie haben mir den Rücken zugewandt und nicht das Gesicht. Ich habe sie unermüdlich belehrt, aber sie hörten nicht darauf und besserten sich nicht. 34 Vielmehr stellten sie in dem Haus, über dem mein Name ausgerufen ist, ihre Scheusale auf, um es zu entweihen. 35 Sie errichteten die Kulthöhe des Baal im Tal Ben-Hinnom, um ihre Söhne und Töchter für den Moloch durchs Feuer gehen zu lassen. Das habe ich ihnen nie befohlen und niemals ist mir in den Sinn gekommen, solchen Gräuel zu verlangen und Juda in Sünde zu stürzen.

Fazit
Nach dem Untersuchen der oben stehenden Bibelzitate kann ich die Aussage im Lexikon der bilbischen Irrtümer

Wird das Menschenopfer von Gott gefordert oder abgelehnt? Eindeutig lässt sich diese Frage nicht beantworten. (S. 93)

nicht nachvollziehen. Die Bibel sagt eindeutig aus, dass Gott Menschenopfer ablehnt. Entscheidende Stellen werden im besprochenen Kapitel des Lexikons leider nicht zitiert.

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