Das böse Kind Jesu

Das böse Kind Jesu

Die Seite www.bibelkritik.ch wurde schon in einigen Beiträgen erwähnt. Die dortigen Angriffe auf die Bibel zeichnen sich zwar weder durch Sachlichkeit noch durch Nachvollziehbarkeit aus, aber eines muss man ihnen lassen: Die Art der „Kritiken“ ist immer wieder interessant. So finden sich widerlegte alte Argumente, aus dem Zusammenhang gerissene Bibelzitate oder auch einfach gekünstelte Widersprüche. Jetzt habe ich eine ganz neue Variante gefunden: Man zitiert einfach aus irgendwelchen apogryphen Schriften bestimmte Abschnitte, die Jesus in ein schlechtes Licht rücken, um so die Glaubwürdigkeit der eigentlichen Bibel in Frage zu stellen. Auf folgender Seite so geschehen mit dem sogenannten Kindheitsevangelium nach Thomas, in dem man Passagen finden kann wie:

Ein Nachbarsjunge nahm einen Weidenzweig und fegte das sorgfältig angesammelte Wasser wieder aus den Pfützen. „Du Dummkopf“, schrie Jesus. „Was haben dir denn die Teiche getan? Jetzt wirst auch du verdorren!“

oder

Ein paar Tage später, als Jesus durch Nazareth bummelte (4,1-8), rempelte ihn ein Kind an. Jesus wurde wieder wütend. „Du sollst auf deinem Weg nicht weitergehen!“, fauchte er und auch dieser Junge fiel hin und starb.

Also Jesus ein rachsüchtiger, widerwärtiger kleiner Junge, der seine Macht missbraucht um andere Kinder umzubringen? So etwas soll Erlöser der Menschheit und Sohn Gottes sein? Immerhin muss man bibelkritik.ch lassen, dass darauf hingewiesen wird, dass derartige „Informationen“ lediglich einem apogryphen Evangelium entnommen sind. Doch dies soll gleich mit folgender Behauptung relativiert werden:

Der eine oder andere Bibelwissenschaftler ist der Auffassung, es verdiene eine Aufnahme in die Bibel.

Eine Quelle, welche derartige Wissenschaftler nennt, wird nicht aufgeführt. Fakt ist, dass selbst wenn die Aussage zutreffen würde, es sich lediglich um die Meinung einer absoluten Minderheit handelt, die es praktisch in jedem Wissenschaftszweig zu jeder Ansicht gibt. Gegen eine Gleichstellung mit den vier Evangelien des Neuen Testaments sprechen unter anderem folgende Punkte:

  1. Das Entstehungsdatum Ende des zweiten Jahrhunderts liegt gut 100 Jahre nach der Entstehung der biblischen Evangelien.
  2. Es wurde zu keiner Zeit der Kirche als inspirierte Schrift anerkannt. Im Gegenteil: Schon bei einer seiner ersten Erwähnungen überhaupt (Irenäus von Lyon, „Gegen die Häresie“) wird das Werk kritisch betrachtet.
  3. Es widerspricht in seinem Jesusbild den restlichen Schriften des Neuen Testaments, welche früher entstanden sind.
  4. Die Art der Erzählung und der beschriebenen „Wunder“ unterscheiden sich deutlich vom Neuen Testament

Auch ist die Anmerkung

dessen angeblicher Verfasser Thomas ebenfalls den Namen eines Jesus-Jüngers trägt.

fragwürdig, denn dieser „Thomas“ spezifiziert seinen Namen in der Einleitung des Evangeliums genauer:

„So will ich denn, ich Thomas der Israelit, allen den Brüdern aus den Heiden Kunde bringen von den wunderbaren Jugendtaten unseres Herrn Jesus Christus, die er vollbracht hat nach seiner Geburt in unserem Lande. So nahm es seinen Anfang. …“

Jesu Jünger Thomas erhält dagegen niemals den Beinamen der Israelit, so dass diese Erwähnung im Evangelium wohl eher darauf hindeutet, dass sich dessen Autor gerade nicht mit dem biblischen Thomas identifizieren will.

Das Kindheitsevangelium kann also weder dabei helfen etwas neues über Jesu Person und Tagen zu erfahren, noch dabei etwas über die Glaubwürdigkeit der Evangelien nach Markus, Matthäus, Lukas und Johannes auszusagen. Es daher wie auf bibelkritik.ch geschehen zu zitieren und manche Stellen im Fettdruck hervorzuheben, um Jesus in einem schlechten Licht stehen zu lassen, ist eine ziemlich billige Variante von Kritik an der Bibel.

3 Gedanken zu „Das böse Kind Jesu

  1. Sehr geehrter Herr Burger

    Ich freue mich natürlich, dass Sie sich mit den bibelkritischen Inhalten meiner Internetseite auseinandersetzen, bedaure aber sehr die Art und Weise, wie Sie das tun.

    Unter einer Vielzahl von Themen erwähne ich die apokryphen Evangelien, weise deutlich darauf hin, dass Sie von der Kirche nicht anerkannt sind und gerade diese Offenheit werfen Sie mir vor. Dass darin ein unrühmliches Jesusbild beschrieben wird, liegt nicht an mir, sondern am Verfasser des Evangeliums – den wir übrigens alle nicht mit wirklichem Namen kennen und dessen Entstehungddatum wir alle nicht wissen – auch wenn Sie dies zu wissen vorgeben.

    Auf der Suche nach einem realistischen Jesusbild auch auf diese Evangelien – deren gibt es noch viele, die Sie aber nicht erwähnen – zu schauen und sie ins Gesamtbild einzubeziehen, ist nicht mehr als recht und sinnvoll.

    Dass auch Jesus in den anerkannten Evangelien unrühmliche Aussagen machte ((Mt 10,34-35): „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert…) mag einen gläubigen Christen sicher nicht freuen, das kann ich gut verstehen. Aber davor die Augen zu verschliessen ist nicht die Art, sich den Fragen des Lebens und der Welt zu stellen.

    Ich bedauere auch, dass Sie mein Buch nicht gelesen, sondern sich nur auf meiner Internetseite umgesehen haben. So ist Ihnen auch entgangen, wie sorgfältig und umfassend ich mich mit dem Thema auseinandersetze. Dies kann natürlich auf einer Internetseite nicht getan werden und sie soll auch nur umschreiben, in welcher Form das Buch mit dem Thema umgeht.

    Mit freundlichen Grüssen
    Johannes M. Lehner

  2. Sehr geehrter Herr Lehner,
    vielen Dank für ihren Beitrag. Ja ich gebe zu mein Beitrag ist etwas spitz formuliert, vielleicht etwas zu spitz. Bei den Apogryphen vetrete ich die Position, dass sie mehr von den „richtigen“ Evangelien unterscheidet, als nur, dass sie von der Kirche nicht anerkannt werden. Sondern eben auch bzgl. Glaubwürdigkeit und Historizität große Unterschiede bestehen und man somit keinerlei Schlüsse auf Jesus von ihnen ziehen kann. Diese Aussage fehlt mir in dem kritisierten Beitrag.

    Dass ich ihr Buch nicht gelesen habe hat einen einfachen Grund: Es ist mir schlicht und einfach zu teuer. Für 280 Seiten kann ich als Student nicht über 20 Euro ausgeben, sonst reicht mein Budget hinten und vorne nicht. Ich klicke es jeden Tag auf amazon.de an in der Hoffnung einmal ein gebrauchtes günstiges Exemplar abzustauben. Allerdings vertrete ich die Ansicht, dass man auch auf Homepages mit Quellenangaben arbeiten kann. Also nicht einfach irgendetwas behaupten wie die angesprochene Sache mit den Bibelwissenschaftlern die angeblich eine Aufnahme befürworten.

    Mit freundlichen Grüßen
    Michael Burger

    Nachtrag
    Ja Matthäus 10,34 ist unbequem, aber deshalb doch kein Grund ihm aus dem Weg zu gehen.

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