Wie Gott Jakob für einen Massenmord belohnt

Wie Gott Jakob für einen Massenmord belohnt

Einleitung
Durch eine E-Mail wurde ich von jemanden auf eine pdf mit dem Titel „Die grausame Bibel“ aufmerksam gemacht. Sie kann als Dateianhang in einem Internetforum nach einer Registrierung heruntergeladen werden. Da die Urheberrechte nicht geklärt sind, wird hier kein seperater Download der Datei angeboten. In der angesprochenen E-Mail wurde gefragt, ob man die Aussagen des Dokumentes genauer untersuchen und diskutieren sollte. Da der Text fast 100 Seiten umfasst ist eine erschöpfende Diskussion aus Zeitgründen nicht möglich. Diese ist nach Ansicht des Autors allerdings auch nicht nötig, das sich „Die grausame Bibel“ durch ihr Vorgehen selbst als Diskussionsgrundlage disqualifiziert. Dies soll exemplarisch an einem kurzen Textausschnitt veranschaulicht werden. Ein Großteil des Textes begnügt sich damit biblische Geschehnisse zusammen zu fassen und zu „kommentieren“. Allerdings wurden in diese Zusammenfassungen schon Fehler integriert, die es nachher erleichtern eine vernichtende Kritik am entsprechenden Bibelabschnitt zu üben. In diesem Artikel soll der Textausschnitt aus dem Dokument besprochen werden, der sich mit der Bibelpassage 1. Mose 33-35 beschäftigt und mit den wirklichen Aussagen der Bibel (1. Mose 33-35) verglichen werden. Er findet sich im pdf-Dokument auf S. 16 bzw. 17.

Falsche Aussagen
Gehen wir den Text aus „Die grausame Bibel“ Schritt für Schritt durch:

Jakob war mit seinem Gefolge aber noch lange nicht am Ziel. Sie waren erst in der Gegend von Sichem. Dort schlugen sie ein Nachtlager auf.

Hier findet sich bereits ein erster Fehler (der allerdings für die Gesamtaussage unwichtig ist): Jakob bleibt mit seinem Gefolge dort länger als nur eine Nacht, denn er erwirbt sich das Grundstück auf dem sie ihr Lager aufschlagen sogar:

18 Jakob gelangte, als er aus Paddan-Aram kam, wohlbehalten bis Sichem in Kanaan und schlug vor der Stadt sein Lager auf. 19 Das Grundstück, auf dem er sein Zelt aufspannte, erwarb er von den Söhnen Hamors, des Vaters von Sichem, für hundert Kesita. 20 Dort errichtete er einen Altar und nannte ihn: Gott, der Gott Israels. (1. Mose 33)

Größere Verdrehungen des biblischen Inhalts finden sich in den darauffolgenden Sätzen:

Leas Tochter Dina, ein frühreifes Mädchen, ging ein bißchen flanieren. Sie wackelte mit den Hüften. Sie brauchte ja nicht zu hinken wie ihr Vater. Und sie ließ auch eine Menge Bein sehen. Und die jungen Leute der Stadt entdeckten bald diesen steilen Zahn. Darunter war auch der Sohn des Hemor, der, wie die Stadt, Sichem hieß. Er stieg dem Mädchen nach, und sie waren sich bald einig, die Zweisamkeit hinter einem Busch zu suchen. Es war, wie Liebe auf den ersten Blick. Soweit, so gut. Aber, dachte das Mädchen danach, was wirst du jetzt von mir denken? Und erst meine Familie! Sie sagte deshalb ganz einfach, sie sei vergewaltigt worden

denn im Alten Testament steht:

1 Dina, die Tochter, die Lea Jakob geboren hatte, ging aus, um sich die Töchter des Landes anzusehen. 2 Sichem, der Sohn des Hiwiters Hamor, des Landesfürsten, erblickte sie; er ergriff sie, legte sich zu ihr und vergewaltigte sie. 3 Er fasste Zuneigung zu Dina, der Tochter Jakobs, er liebte das Mädchen und redete ihm gut zu. (1. Mose 34)

Es steht dort also weder etwas von Leas Alter, ihrem Reifegrad, noch von ihrem Erscheinungsbild. Auch geht aus dem Text klar hervor, dass von Einigkeit keine Rede sein kann. Es ist hier von Anfang an von einer Verwaltigung die Rede. Dina denkt sich also nicht aus um ihren Ruf zu schützen. Von einem Busch ist nebenbei bemerkt auch nirgendwo die Rede.

Weiter geht es dann in „Die graumsame Bibel“ mit:

Auch der junge Sichem hatte seinem Vater alles gestanden und, daß er dieses Mädchen und kein anderes zur Frau haben wolle. Darauf machte sich der Vater auf den Weg zum Lager des Jakob und klärte ihn über die Lage auf. Zwar runzelte der Jakob erst einmal die Stirn. Aber er witterte ein gutes Geschäft. Jakob stellte deshalb Bedingungen, von denen er hoffte, daß sie nicht angenommen würden. Er verlangte, daß alle Männer der ganzen Stadt Sichem sich beschneiden
lassen sollten, um dadurch die ehrliche Verbundenheit zu bezeugen.

und auch hier dauert es nicht lange, bis sich die Widersprüche zum biblischen Text auftun. Denn es ist nicht Jakob, der die Beschneidung aller Männer vorschlägt, sondern es sind seine Söhne:

13 Die Söhne Jakobs gaben Sichem und seinem Vater Hamor, als sie die Verhandlungen aufnahmen, eine hinterhältige Antwort, weil er ihre Schwester entehrt hatte. 14 Sie sagten zu ihnen: Wir können uns nicht darauf einlassen, unsere Schwester einem Unbeschnittenen zu geben; denn das gilt bei uns als Schande. 15 Nur unter der Bedingung gehen wir auf euren Vorschlag ein, dass ihr euch uns anpasst und alle männlichen Personen beschneiden lasst. (1. Mose 34)

Also konnte Jakob gar kein Geschäft wittern. Aber auch seine Söhne tun das nicht. Derjenige, der sich einen Vorteil aus der ganzen Sache erhofft ist Hamor selbst! Denn dieser spricht zu den Bewohnern, um sie von der Beschneidung zu überzeugen:

22 Allerdings wollen die Männer bloß unter der Bedingung auf unseren Vorschlag eingehen, mit uns zusammen zu wohnen und ein einziges Volk zu werden, dass sich bei uns alle Männer beschneiden lassen, so wie sie beschnitten sind. 23 Ihre Herden, ihr Besitz, ihr Vieh, könnte das nicht alles uns gehören? Gehen wir also auf ihren Vorschlag ein, dann werden sie bei uns bleiben. (1. Mose 34)

Also wurde auch hier die biblische Aussage vollkommen verdreht. Dies wird auch im nächsten Abschnitt nicht besser:

Alle männlichen Bewohner Sichems kamen zur großen Beschneidung ins Lager der Jakobiner, und es wurde für die einen lustig und für die andern schmerzlich drauflos geschnibbelt. Als am dritten Tag die Schmerzen am größten waren und sich keiner der Männer rühren konnte, fielen Jakob und seine Söhne Simeon und Levi mit ihren Schwertern über die friedliche Stadt her, ermordeten alles, was männlich war, auch Sichem und seinen Vater und nahmen ihre Dina wieder mit. Danach „durchsuchten“ Jakob und seine Bande die Leichen der Erschlagenen und plünderten die ganze Stadt.

Die Fehler dieses Abschnittes werden beim Lesen der Passage aus dem Buch Genesis offensichtlich:

25 Am dritten Tag aber, als sie an Wundfieber litten, griffen zwei Söhne Jakobs, Simeon und Levi, die Brüder Dinas, zum Schwert, überfielen ungefährdet die Stadt und brachten alles Männliche um. 26 Hamor und seinen Sohn Sichem machten sie mit dem Schwert nieder, holten Dina aus dem Hause Sichems und gingen davon. 27 Dann machten sich die Söhne Jakobs über die Erschlagenen her und plünderten die Stadt, weil man ihre Schwester entehrt hatte.

Nirgendwo ist die Rede davon, dass Jakob mit seinen Söhnen einfiel oder es ihnen zumindest befiehlt. Er selbst erfährt von diesem Ereignis erst im Nachhinein und reagiert schockiert:

30 Jakob sagte darauf zu Simeon und Levi: Ihr stürzt mich ins Unglück. Ihr habt mich in Verruf gebracht bei den Bewohnern des Landes, den Kanaanitern und Perisitern. Meine Männer kann man an den Fingern abzählen. Jene werden sich gegen mich zusammentun und mich niedermachen. Dann ist es vorbei mit mir und meinem Haus.

Jakob selbst hatte also nie vorgehabt die Stadt zu überfallen. Seine Söhne rügt er für diese Tat, der er offensichtlich nicht zustimmt. Aber „Die grausame Bibel“ begnügt sich nicht damit Jakob Zustimmung zu diesem Verbrechen zu unterstellen, sondern versucht es so hinzustellen, dass Gott selbst Gefallen daran gefunden habe:

Nach dieser frommen Tat erschien der HERR dem Jakob schon wieder und versicherte, daß er jetzt endgültig den Namen Israel verdient und sich so hinfort zu nennen habe.

Dieser Satz erweckt den Eindruck, dass Gott Jakob wegen der Handlungen bei Sichem segnen würde. Doch dies entspricht nicht der Wahrheit. Denn zwischen dem erneuten Segen, der in 1. Mose 35,9 beschrieben wird, und Sichem liegen einige weitere Handlungen (unter anderem der Bau eines Altares), was sich bei der Lektüre von 1. Mose 35,1-8 feststellen lässt. Dass Gott den Überfall gut heißt, der von Jakobs Söhnen begangen wurde, wird an keiner Stelle angedeutet, geschweige denn behauptet.

Fazit
Sicherlich ist klar, dass man durch das Herausgreifen einer einzigen Passage kein über 90 seitiges Dokument angreifen oder gar widerlegen kann. Es sollte hier lediglich exemplarisch gezeigt werden, wie dort mit der Bibel umgegangen wird. Der Leser sei eingeladen, sich durch Lektüre von „Die grausame Bibel“ und den entsprechenden Passagen in der Bibel selbst davon zu überzeugen, dass die hier beschriebene Vorgehensweise nicht nur in Bezug auf 1. Mose 33-35 verwendet wurde, sondern sich durch weite Teile des Textes zieht. So betreibt man sicherlich keine sachliche Religionskritik.

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